Presse verstand sich als freie Stimme des Volkes

EVANGELISCHE ZEITUNG

01/08/1988

Presse verstand sich als freie Stimme des Volkes

Jost Ohler

Die IECLB war nicht immer das, was sie von aussen her gesehen heute ist: eine Kirche, die ihren missionarischen und prophetischen Auftrag im ganzen Land wahrnimmt; eine Kirche, die ihre Identität offensichtlich gefunden hat. Sicher hat daran auch das Jornal Evangelico einen nicht zu unterschätzenden Anteil. Denn ohne effektive Kommunikationsmittel hätte sich die Kirchwerdung wohl dahingequält wie der Jeep im Schlamm.

Man muss es sagen: allen, die anfangs der siebziger Jahre irgendwelche Verantwortung in der Kirche trugen, gebührt grosser Dank. Denn weitsichtig und grosszügig haben sie die Arbeit mit den Massenkommunikationsmitteln ermöglicht. Die Autoritäten hatten Vertrauen und Nerven, auch Unbequemes zu ertragen; die nötigen Geldmittel flossen dank der Editora Sinodal; vor allem stand die Basis, die Gemeinden also, hinter unserer Arbeit.

WIE ES DAZU KAM

Man erinnere sich: erst 1968 vereinigten sich die regionalen Synoden zur IECLB, zögernd, aber mutig. Weitgehend deutsch geprägte Gemeinden machten sich auf den Weg in die Realidade Brasileira. Der Jeep kam in Fahrt, auch wenn die Strasse unwegsam war: die vorprellenden Jungen, eher bremsende Alte (— wie könnte es anders gewesen sein?). Rad-und Oelwechsel gleichsam, als 1970 die 5. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes abgesagt wurde.

Man hatte sich verschätzt und wurde allein gelassen. Das Spiel mit verdeckten Karten war nicht aufgegangen, Brasilien war auch unter den Generälen keine heile Welt, wie es sich manche einzureden versuchten. Zeit zur Revision, Zeit zum Kräfte sammeln. Dann ging es vorwärts: 1971 wurde mit dem Jornal Evangelico durchgestartet, 1972 in Säo Paulo die Öffnung nach dem Norden. Man wuchs zusammen — Kirchenhistoriker werden aus jener Zeit viel zu berichten haben.

DIE NATIONALE DIMENSION

Das Problem war tatsächlich: wie bringt man dem Süden bei, dass der Norden wichtig ist und dazugehört? Wie den traditionellen Gemeindeverbänden, dass die brasilianische Realität anders aussieht, als man in den wohlgeordneten deutschstämmigen Kolonien gemeinhin glaubt. Das Jornal Evangelico leistete Hilfsdienste. Pate waren die regionalen Gemeindeblätter gestanden, vor allem Folha Dominical (RS) und Voz do Evangelho (SC, PR).

Dominiert hat natürlich der Spiegelberg (Folha) mit seiner gut ausgesbauten Struktur, dem Geld und der Nähe zur Kirchenleitung. Aus der Taufe durfte ich es zusammen mit vielen wohlwollenden Helfern heben: die Spiegelbergleute. Mir kam zugute, dass ich mich ganz und gar als Wahl-Capixaba fühlte. Im Norden Espirito Santos diente ich in die ersten Jahre in Brasilien, dort war ich sehr heimisch • und liebte Land und Leute.

DIE SAUDADE BLIEB

So anders, schön und sauber es im Süden war, irgendwie blieb doch die saudade nach dem anderen Brasilien. Das hat es mir leicht gemacht, mit dem Jornal Evangelico das ganze im Auge zu behalten, mich mit der Zeitung nicht von den Gauchos Kaufen zu lassen. Dazu kam die Unbekümmertheit meiner Mitarbeiter (von der besten Sorte) und die vielen Freunde im Land. Ihnen ist es zu verdanken, dass das Kind gedeihen konnte.

BEWUSSTSEIN DER ZUSAMMENGEHÖRIGKEIT

Es gärte und wir gehörten mit zur Hefe, auch wenn das mancher Autorität nicht passte. Vor allem aber hatten wir die Rückendeckung vom starken Mann des Spielgelbergs, dem Regionalpfarrer, und dem ISAEC —Manager. Anders wäre wohl unsere Arbeit schnell wieder regionalisiert worden. Auch wenn verständlich, im Grunde genommen war es eine Fehlentscheidung, den Sitz der Redaktion in den tiefen Süden zu legen, statt nach Blumenau oder Säo Paulo. Aber es ist noch einmal gut gegangen, denke ich.

Was wollte unser Jornal Evangélico, dessen deutschsprachiger Teil immer mehr zusammenschrumpfte? Zuerst galt es, deri Gemeinden ein Bewusstsein der Zusammengehörigkeit zu geben. So wurde es zum Umschlagplatz von Informationen, Berichten und Meinungen. Daneben galt es, behutsam in die realidade brasileira einzuführen, so, dass sich unsere Gemeinden als Träger des prophetischen und missionarischen Auftrags der Kirche Jesu Christi bewusst wurden.

Einer Kirche, die durch das Erbe der Reformatoren besonde-s bestimmt war und von daher ihren wichtigen Stellenwert im religiösen Panorama Brasiliens haben sollte Eine Kirche, die sich dem System nicht anbiedern will — wie es einige Persördichkeiten versuchten —, sondern in Treue zum Evangelium ihren eigenen Weg geht.

Die Presse verstand sich dabei als freie Stimme des Volkes und nicht als Sprachrohr oder Propagandainstrument der Kirchenleitung. Das brachte natürlich immer wieder Spannungen ins Gefüge der jungen IECLB, so dass man am Schluss in manchen Kreisen wohl nicht traurig war, als ich den Rückzug nach Europa antrat... Aber es war auch Zeit, dass eine so wichtige Arbeit ganz in brasilianische Hände überging.

Kommunikation: Rückgrat der Organisation Kirche

Soweit ich es von hier aus der Schweiz beurteilen kann, war das gut so. Jedenfalls aus der Perspektive der Kirchen der alten Welt leuchtet heute die IECLB als Beispiel verantwortlichen Christseins, von dem man hier einiges lernen könnte. Sicher ist die Entwicklung auch in der Presse weitergegangen. Hoffentlich aber kann das Jornal Evangelico der inneren Struktur einer nationalen Kirche als unabhängiges und freies Sprachrohr des Kirchenvolkes weiterhin dienlich sein. Das schliesst nicht aus, dass, nach einer Zeit der Konzentration, wieder regionale Kirchenblätter wichtig werden könnten. Aber sie sollten sich nur an der Seite eines nationalen Jornal Evangélico entfalten. 

Hier iN der Schweiz blüht der Regionalismus und man empfindet es schmerzlich, dass die Kirchen, bei allem Wohlstand, ein Jornal Evangelico noch nicht fertiggebracht haben. Es fehlen Weitblick und Experimentierfreudigkeit, Mut und Risikobereitschaft, die die IECLB zu meinen Zeiten, trotz aller bremsenden Elemente, ausgezeichnet haben. 

WÜNSCHE FÜR DIE ZUKUNFT 

Die Kommunikation ist der Rückgrat der Organisation Kirche. Wenn ihr ein Korsen angelegt wird, kann sich die Kirche nicht entwickeln. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen in der IECLB dies erkennen und ihrer Pressearbeit weiter Freiheit, finanzielle Mittel und Vertrauen entgegenbringen und sie nicht zum Propagandainstrument der Kirchenleitung verkommen lässt. Auch wenn dann Unbequemlichkeiten vorprogrammiert sind. 

Den Journalisten wünsche ich Freude bei ihrer Arbeit für das Volk Gottes und Kraft, unabhängig und mutig Fragen zu stellen und über die Realität von Kirche und Volk zu berichten. Die Gemeinden bitte ich, ihr nationales Jornal zu tragen, denn es schafft Leben. 

PS.: Herzliche Grüsse an die Firma Rotermund und ihre Mitarbeiter, ohne die unser Vorhaben damals nur halb so gut hätte gelingen können und —natürlich — an alle Freunde, die sich gerne an mich erinnern. Auf Wiedersehen! Ihr Jost 


Pf Jost Ohler war Chefredakteur des Jornal Evangelico von der ersten Nummer — 15. November 1971 — bis zur zweiten Dezembernummer 1972. Von da an bis April 1975 war er der Direktor der Zeitung. Schon seit vielen Jahren übt er sein Pfarrand in der Schweiz aus (Leimackerstrasse 5, CH-8955 AADORF — TG).


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Autor(a): Jost Ohler
Âmbito: IECLB
ID: 32188
HISTÓRIA
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