1. Juli 1875: ein denkwürdiges Datum für die Presse

DEUSTSCHSPRACHIGE PRESSE

01/08/1988

1. Juli 1875: ein denkwürdiges Datum für die Presse

Der 1. Juli 1875 ist für die deutschsprachige Presse in Rio Grande do Sul ein denkwürdiges Datum. Am gleichen Tag übergab der bisherige Schriftleiter des katholischen Volksblatts, Dillenburg, seine Zeitung an die Jesuiten, und im selben Säo Leopoldo, nur ein paar Quader entfernt, übernahm der evangelische Pfarrer Dr. Rotermund anstelle des bisherigen Redakteurs Curtius die Schriftleitung des Boten. Das Volksblatt bemerkte bei diesem Ereignis: In der hiesigen deutschen Presse werden also in Zukunft drei verschiedene Richtungen vertreten sein: die jesuitisch-ultramontane durch das 'Volksblatt', die ortodox-evangelische durch den'Boten', die freidenkende und konfessionslose durch die 'Deutsche Zeitung.

Das war die ganze deutschbrasilianische Presse von damals. Vor 1852 waren überhaupt keine selbständigen deutschen Zeitungen erschienen. Ein Aufschwung setzte erst ein, als Koseritz 1864 die Deutsche Zeitung in Porto Alegre übernahm.

Seit Koseritz seine Hand von den Evangelischen gezogen hatte, mussten diese in der Öffentlichkeit jeden Angriff über sich ergehen lassen; denn wenn sie auch im Eingesandt der Deutschen Zeitung sich jederzeit äussern konnten, so hatte dieses Protestieren aus dem Winkel doch wenig Erfolg. Der 'Bote', aber, so schrieb Dr. Rotermund in den ersten Monaten in Säo Leopoldo, bedarf kaum der Erwähnung; er fristet ein kümmerliches Dasein und beschränkt sich wegen Beschränktheit des Redakteurs auf Raub und Klatsch?

AN GLEICHGÜLTIGE UND FEINDE

Ehe Dr. Rotermund ausgesandt wurde, war von Pfarrer Wegel wiederholt der Wunsch ausgesprochen worden, man möge in Rio Grande eine christliche Wochenschrift ins Leben rufen. Das Comite in Barmen hielt eine solche Gründung für sehr zweckmässig und Dr. Rotermund wurde aufgefordert, die Redaktion einer solchen Zeitschrift sofort nach seiner Ankunft in Brasilien zu übernehmen. In Brasilien sah er, dass die Wirklichkeit andere Forderungen stellte. Es war wichtiger und erfolgversprechender eine allgemeine und schon eingeführte Zeitung in die Hand zu bekamen und mit ihr die verlorene Stellung erobern.

Einfluss auf die öffentliche Meinung war nur über die Zeitung zu gewinnen, die sich auch an die Gleichgültigen und Feinde, nicht nur an die Kirchenfreunde wandte. — Auch die Zeitungstätigkeit Dr. Rotermunds ist also aus einem unmittelbaren Auftrag hervorgegangen, den er nur sinnvoll und den brasilianischen Verhältnissen entsprechend umwandelte. Bald musste er ja sehen, dass eine Zeitung sich nicht nur an das Kirchenvolk wenden durfte; sie musste kämpfen und werben; sie musste für den Kampf um die religiöse und, wenn es Not tat, die völkische Gleichberechtigung eingesetzt werden.

Als Dr. Rotermund die erste Nummer des Boten herausgab, schrieb er sein Programm in einem klaren Satz an die Spitze: Alles, was wir den Lesern vorlegen, wird im Geiste deutsch-evangelischer Bildung geschrieben sein. Der benachtbarte Amtsgenosse aus Porto Alegre, Pfarrer Kollmann, half ihm bei der Redaktion der Zeitung.

FLAMMENDER ZORN

Nach zwei Wochen war der vollste Kampf im Gang; denn Dr. Rotermund hatte das Unerwartete wahr gemacht, er trat für sein Programm mit schneidender Schärfe ein. Die Evangelischen sassen nicht mehr im Winkel, ja sie waren bald in solch einem Kampf um ihre eingeschlafenen oder missachteten Rechte verwickelt, dass man Dr. Rotermund allgemein für den Ruhestörer hielt, obwohl er nur dem faulen Frieden ein plötzliches Ende gemacht hatte.

Die Leser müssten schon gespannt auf jede neue Zeitung gewartet haben, weil kaum eine Nummer erschien, in der nicht um Geltung und Recht gestritten wurde Dass auf allen drei Zeitungen in der Kampfeswut auch persönliche Beleidigungen nicht ganz ausblieben, gehörte es bei den damaligen Pressefehden beinahe zum guten Stil. Iletz seines flammenden Zornes drückte sich aber Dr. Rotermund im allgemeinen massvoller aus als seine beiden Gegner.

Die Evangelischen hauen einen so schneidigen und unbeugsamen Verfechter ihrer Ansprüche gefunden, dass es ihnen selber Angst wurde, was daraus werden sollte; denn zum Kämpfen waren sie ja nicht erzogen. Am ungemütlichsten war es Herrn Julius Curtius zumute, dem Besitzer des Boten, der schon am seine Zeitung zu bangen anfing. Entgegen dem Vertrag, der einviertel jährliche Kündigung vorsah, kündigte darum Curtius seinem Redakteur aus Gründen, die er vielleicht später klarlegen werde. Der Bote fiel in sein altes Geleise zurück, wurde beim Gemeindestreit schwer gegen Dr. Rotermund mobilisiert, ging aber doch an Geist- und Geldlosigkeit 1878 zugrunde.

Ein Zufall bestimmte Namen der Deutschen Post 

Die Druckerei der Zeitung Der Bote, die 1878 zugrunde ging, wurde später vom Dr. Rotermund aufgekauft, der so doch noch einmal zum Boten zurückkam und seine selbständige Zeitung, die Deutsche Post, zu drucken begann. Es war ein trefflicher Augenblickswitz, dass die erste Nummer der Deutschen Post, die am 18. Dezember 1880 erschien, auf der Presse der feindlichen Brüder, der Jesuiten, gedruckt werden musste, weil die neue Druckerei noch nicht ganz in Betrieb war. 

Ein Zufall hat auch den Namen der Deutschen Post bestimmt. Wären nämlich die richtigen Lettern zu finden gewesen, so hätte sie Deutschbrasilianische Post geheissen. Für so einen breitspurigen Titel fehlten die Buchstaben, und so druckte man eben Deutsche Post. Dabei ist es denn auch geblieben, und niemand wusste später etwas davon, dass der ursprüngliche Titel in ganz anderer Weise die Bodenständigkeit der Zeitung betonen wollte. Als nach Jahren neue typen angeschafft werden konnten, hatte sich die Deutsche Post überall unter ihrem Zufallstitel durchgesetzt.

RELIGIÖSE SPÖTTEREIEN 

Dr. Rotermund hat 32 Jahre lang als Schriftleiter der Deutschen Post gearbeitet, 45 Jahre lang hat er sie durch ihr Leben begleitet. Dabei ist er nie von jenem ersten Programm abgesprungen, das in seinem persönlichen Charakter und in seiner ganzen sonstigen Arbeit begründet war. Wohl fragte er sich zweifelnd, ob denn die Deutsche Post dem Reiche Gottes unmittelbar genutzt habe. Er konnte darauf schon nach den ersten fünf Jahren antworten: Jedenfalls hat sie indirekt viel gewirkt. Der Kulturkampf ist aus, die religiösen Spöttereien haben ein Ende, selbst Koseritz schreibt hie und da mit Achtung sowohl über die christliche Religion wie über ihre Geistlichen? 

Verschiedene Beilagen waren im Laufe der Jahre in der Deutschen Post dazu gekommen und hatten sich sogar teilweise selbständig weiterentwickelt. Das Sonntagsblatt der Riograndenser Synode erschien als Beilage der Deutschen Post und hatte bald, wider Erwarten, unter allen deutschen Blättern in Brasilien die weiteste Verbreitung. 

Im Juni 1893 wurde das Sonntagsblatt, das sich so gut eingeführt hatte, von der Pfarrwitwen — und Waisenkasse übernommen. In ähnlicher Weise machte sich auch die Lehrerzeitung selbständig, die ebenfalls als Beilage der Deutschen Post begonnen hatte und dieser ihre Lebensfähigkeit verdankte. Seit 1899 erschien mit Unterm südlichen Kreuz eine wertvolle heimatkundige Beilage und von 1901 an wurde ein Gemeinnütziger Ratgeber für Stadt und Land mitgeliefert. Nach dem Weltkrieg kamen zwei neue Beiblätter: Für Herz und Haus und Aus Kirche und Schule, in denen der alte Doktor immer noch die Sonntagsbetrachtungen und manch anderen Artikel beisteuerte. 

VÖLKISCHE MISCHEHE 

Dass die Führung einer deutschen Zeitung in Brasilien nicht einfach war, musste Dr. Rotermund schon nach den ersten vier Wochen im Januar 1881 merken. Da beging er die Unvorsichtigkeit, eine Lustspielaufführung in Säo Leopoldo scharf zu kritisieren und vor allem auf den durch die rassische Verschiedenheit bedingten Geschmack hinzuweisen. Die brasilianischen Zeitungen fielen über ihn her; das liess sich abwehren. Aber eines Tages wurden an der Druckerei die Scheiben eingeworfen. Das war der Pöbel. — Und der liess sich im Ernstfall kaum bändigen. 

Am 13. Oktober 1928 erschien mit Nummer 7632 eine letzte Sonderausgabe der Deutschen Post. Sie war ein Stück vom Schicksal ihres Gründers geworden, und auch ihr Untergang war, auf das ganze gesehen, ein Stück von der elYagik auslarjcideutscher Arbeit und Tat.


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